Traditionelle Hochzeit in Rethymnon

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Die Hochzeit hat einen besonderen Platz im kretischen Leben und in der kretischen Tradition. Es wird immer noch als echtes Mysterium gesehen, das die Kontinuität des Familienlebens gewährleistet. Die Hochzeit ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben.
Kretische kirchliche Hochzeiten werden in orthodoxer Tradition durchgeführt, die sich in vielerlei Hinsicht von Hochzeiten in anderen europäischen Ländern unterscheidet.

Eine Hochzeit ist für die Familien auch organisatorisch ein Mega-Ereignis. Schon 6 - 12 Monate vorher muss der Hochzeitstermin mit den Priestern, dem sog. "Kentro" und dem Fotografen für Fotos und Video vereinbart werden. Das Kentro ist ein Festsaal mit großer Bühne und Tanzfläche, mit Großküche und Musik- und Lichtanlage, der nur zu dem Zweck der Veranstaltung von Hochzeiten und Taufen gebaut und eingerichtet wurde und zwischen 1.000 und 3.000 Gäste aufnehmen, beköstigen und unterhalten kann. Die Kosten liegen für eine mittlere Hochzeit in der Gegend von Rethymnon mit 1.500 Gästen bei 18.000 - 24.000 Euro ohne Musiker, die üblicherweise von den jeweils Tanzenden durch das Zuwerfen von Geldscheinen (20, 50, oder auch 100 Euroscheine) bezahlt werden. In Griechenland werden auch die Priester nicht vom Staat, sondern bei derartigen Veranstaltungen wie Hochzeit oder Taufen "vom Veranstalter" bezahlt. Drei oder mehr anwesende, rezitierende und singende Priester geben Kunde vom Wohlstand des Brautpaars.
Wenn die Termine endlich feststehen, wird in der Zeit bis zur Hochzeit geplant, gekauft, genäht, geklöppelt. Das Hochzeitskleid muss gekauft, genäht oder gemietet werden. Nur die Miete für das Hochzeitskleid kostet über 1.000 Euro. Es werden teure Einladungskarten von Grafikern entworfen, bestellt und an die Gäste verteilt, üblicherweise durch die Familien, jeder Gast wird persönlich eingeladen. Er darf seine ganze Familie mitbringen, muss die Zahl "seiner" Teilnehmer angeben, damit die Anzahl der Essen geplant werden kann. Die kleinen Geschenke "Wurfgeschosse" für die Kirche werden in Spezialgeschäften für Hochzeit und Taufe gekauft. Kurz gesagt, es wird für Monate an nicht anderes mehr gedacht!

Die Reihenfolge der Ereignisse

Zunächst einmal lernt sich das Paar kennen. (In schwierigen Fällen gibt es auch heute noch die traditionelle Vermittlung durch den Heiratsvermittler.)
Es gibt immer noch zwei konträre Auffassungen auf Kreta über sexuelle Beziehungen des Brautpaares vor der Ehe. In Ostkreta ist man tolerant und fördert man diese, in Westkreta sind sie traditionell verboten, vor 30 Jahren wurde dort noch nach der Hochzeitsnacht das blutige Laken am Balkon des ehelichen Hauses aufgehängt.
Nachdem sich das Paar kennengelernt hat, wird die Hochzeit in drei Stufen organisiert.

1. Familienkonferenz:

Eine Konferenz von Mitgliedern beider Familien, bei der - oft auch in erregter und sehr offener Form - die Mitgift der Braut ausgehandelt wird. Üblicherweise bringt der Bräutigam nur das Ehebett mit in die Ehe. Die Braut erhält von ihren Eltern ein voll eingerichtetes Haus oder eine entsprechende Eigentumswohnung in der das Paar wohnen soll. Dieses Haus bleibt zur Sicherung der Braut im Falle einer Scheidung in ihrem Eigentum. Für Väter mit zwei und mehr Töchtern wird diese uralte und immer noch aktuelle Tradition oft zum Alptraum ihres Lebens.

2. Verlobung:

Die zweite Stufe ist die Verlobung. Der Bräutigam kauft den Verlobungsring, den er bei der Verlobungsfeier der Braut in Gegenwart des Priesters ansteckt. Die Familie des Bräutigams behängt die Braut und die Familie der Braut den Bräutigam mit Goldschmuck. In der Gegend um Rethymnon findet eine fröhliche Feier mit Musik und Tanz im kleinen Kreise (ca. 50 - 200 Gäste) auf dem Dorf entweder vor dem Haus der Braut oder auf dem Dorfplatz, in der Stadt in einer geeigneten Gaststätte statt.

3. Hochzeit

Die dritte und natürlich wichtigste Stufe ist die traditionelle kirchliche Hochzeitszeremonie mit anschließender Hochzeitsfeier, in der Regel an einem Samstag oder Sonntag.

Das Brautbett wird gemacht:
Am Donnerstag vor der Hochzeit wird das Ehebett im neuen Heim des Paares dreimal von unverheirateten Frauen (Jungfrauen) gemacht. Die Laken und Decken sind aus handgemachter Spitze gefertigt, die Teil der Mitgift der Braut sind. Das Bett wird von den anwesenden Gästen zwei Mal unter großem Gelächter wieder in Unordnung gebracht, dann von den anwesenden Freunden und Familienmitgliedern mit Rosenblättern und gezuckerten Mandeln, Geschenken und Geld bestreut. Außerdem wird ein männliches Baby auf das Bett geworfen, als Fruchtbarkeitssymbol für die Braut, und den Wunsch, dass das erste Kind ein Junge werden möge.

Der Kumbaros:
Eine wichtige Rolle bei der kretischen Hochzeit spielt auch der Kumbaros, Gevatter, Trauzeuge. Er ist oft ein Freund des Paares, er besorgt die großen Standkerzen für die Kirche, die Zuckermandeln, die kleinen Geschenke, welche die Teilnehmer nach der Trauungszeremonie erhalten, den Messwein und die gesamte Blumendekoration in der Kirche.
Manchmal bezahlt er auch die Priester.
Der Kumbaros steht bei der Zeremonie hinter den Brautleuten und tauscht die "Kränze", d.h. die Perlringe oder Kronen, die verbunden mit einem weißen Band die ewige Bindung der Brautleute symbolisieren, mehrmals zwischen den Brautleuten aus.

Auf dem Weg zur Kirche:
Der Bräutigam wird heutzutage in einem geschmückten Fahrzeug zu Hause abgeholt und zur Kirche gebracht. Dort wartet er geduldig mit einem Blumenstrauß auf seine Braut. Die Braut wurde früher hoch zu Ross vom Vater und Ihren Brüdern in einem feierlich Umzug durch die Straßen des Dorfes oder der Stadt mit Lyra, Laute und Gesang zur Kirche gebracht. Auch heute ist diese Tradition noch lebendig. Meistens wird die Braut aber an der Spitze eines ohrenbetäubend hupenden Autokorsos in einer geschmückten Limousine zur Kirche gebracht. Dort wird sie vom Vater dem Bräutigam angetraut, und die Hochzeitszeremonie beginnt.

Die kirchliche Hochzeitszeremonie:
Die Hochzeitszeremonie in der Kirche ist immer ein beeindruckendes Ereignis. Ob die Kirche groß oder klein ist, in der Mitte der Stadt oder am Dorfplatz liegt, oder ein romantisch gelegenes Kloster oder eine in den Fels gehauene Kapelle ist, etwa 20 – 30 Prozent der geladenen Gäste kommen zur kirchlichen Trauung und versammeln sich in oder rund um die Kirche. Die Männer sind so ganz anständig gekleidet, Die Frauen und Mädchen zeigen ihre schönsten neuen Kleider. Gleichgültig wie der Untergrund ist, hohe Hacken und Stöckelabsätze sind sehenswert. Anfangs betritt jeder gläubige Christ die Kirche einmal, kauft und zündet eine Kerze an und küsst die Ikone eines Heiligen.

Dann folgt die traditionelle Zeremonie nach orthodoxen Brauch. Es wird gebetet, gesungen, rezitiert und wiederholt das Credo geliefert. Jeder konzentriert sich auf die Braut und den Bräutigam und den Koumbaros. Die Bibel wird dreimal der Braut und dem Bräutigam präsentiert während der Priester Gebete auf altgriechisch singt. Das Paar küsst die Bibel, wenn sie ihm vorgehalten wird. Die Ringe werden auf die Bibel gelegt, und der Priester steckt sie auf die rechte Hand der Braut und des Bräutigams. Die Hochzeitskränze bilden einen sehr wichtigen Teil der Zeremonie, als die Bänder, die das Paar verbinden, das Zusammenfügen von zwei Leben symbolisieren. Sie werden über den Köpfe von Braut und Bräutigam gekreuzt, und das Paar geht dann mit dem Priester dreimal um den Altar, während die Gemeinde das Paar mit Reis bewirft. Der Kelch des Weines wird dem Paar durch die Kumbaros gegeben, und Braut und Bräutigam trinken jeweils drei Mal davon.
Nach Beendigung der eigentlichen Zeremonie ziehen sich die Priester zurück, und die Gratulationskur beginnt. Nun drängen alle von drinnen und draußen sich bis zum Brautpaar durch, um zu gratulieren, als erste natürlich die Familien, die das Paar erneut mit Goldschmuck behängen.
Und alles wird professionell fotografiert und auf Video aufgenommen.

Neben dem Paar steht der Kumbaros, ein Verwandter mit einem Teller mit Zuckermandeln und ein weiterer Verwandter mit einer handgewebten kretischen Umhängetasche und einem Tablett, auf das jeder Beteiligte das Hochzeitsgeschenk, einen kleinen Umschlag mit Glückwünschen und Geld legt, heute üblicherweise zwischen 30 und 50 Euro pro Person, die später an der Feier teilnimmt. Enge Freunde und Verwandte geben mehr. Der Gast nimmt sich eine angebotene Zuckermandel. Wer nicht in die Kirche, sondern gleich direkt zum Kentro fährt gibt später dort sein Geschenk ab. Auf diese Weise kommen bei 1.500 Gästen so um die Vierzig- bis Sechzigtausend Euro zusammen. Auf diese Weise finanziert das Brautpaar die Hochzeitsfeier und hat dann auch das Geld für Anschaffungen oder eine Hochzeitsreise. Der Sinn dieser Sitte, Geldgeschenke zu geben ist, dem Paar einen guten Start ins gemeinsame Leben zu erleichtern.
Vor dem Verlassen der Kirche erhält jeder Beteiligte ein kleines Geschenk und eine Süßigkeit. Außen vor der Kirche stehen die Eltern und Geschwister des Brautpaares, denen ebenfalls gratuliert wird. Alles wird fotografiert und per Video professionell aufgenommen.
Danach unterzeichnet das Paar den zivilrechtlichen Ehevertrag vor dem Priester. In Griechenland schließt die kirchliche Heirat die zivilrechtliche ein.

Die Hochzeitsfeier im Kentro:
Nach der Hochzeitszeremonie fahren alle außer dem Brautpaar ins Kentro oder gehen zum Dorfplatz. Dort findet die fröhliche Hochzeitsfeier mit viel gutem Essen, Musik und Tanz statt. Das Brautpaar geht erst einmal zum Fotografen und lässt Portraitaufnahmen im Hochzeitsdress machen.
Im Kentro schaut man sich nach einem guten Platz um und danach, wen man kennt. Die Tische des Brautpaares, der Familien der Braut und des Bräutigams und des Koumbaros und dessen Familie nebst engen Freunden, die besten Plätze also, sind natürlich für das normale Hochzeitsvolk gesperrt. Aber die Kentren sind so gestaltet, dass die Tanzfläche, auf die Action ist, von allen Plätzen gut einzusehen ist.
Das Essen auf so einer Hochzeitsfeier ist gut, reichlich und traditionell: Man sitzt meist an langen Tischen. Dort gibt es zunächst kalte Vorspeisen, gebratene Leber und andere Innereien, Tsatsiki, Kartoffelsalat, gebackene gefüllte Teigtaschen und kretischen Graviera-Käse und Lamm-Joghurt mit kretischem Honig. Danach wird eine warme Goulasch-ähnliche Vorspeise serviert. Anschließend gibt es traditionellen Pilafi, einen im Sud des gekochten Lammfleisches gegarten Reis mit meist kaltem gekochten Lammfleisch als ersten Hauptgang. Anschließend frischen Salat und im Ofen gebratenes Lammfleisch mit Ofenkartoffeln als zweites Hauptgericht, danach Früchte uns schließlich Torte. Zu Trinken gibt es guten kretischen Rotwein, Wasser, Erfrischungsgetränke und kretischen Raki, einen Tresterschnaps.
Das Brautpaar erscheint üblicherweise unter großem Applaus, nachdem der heiße Pilafi - auch für 1.500 Gäste in Minuten - gebracht wurde, ca. eine bis eineinhalb Stunden nach dem Eintreffen der Hochzeitsgäste. Die neuen Eheleute begeben sich mit dem Koumbaros auf die Tanzfläche und trinken dort unter weiterem Applaus ein Glas Champagner, küssen sich und füttern sich gegenseitig mit einem Stück Torte. Dann tanzt das Paar allein einen Walzer oder nach der Musik eines langsamen modernen Schlagers, alles unter großem großen Applaus der Hochzeitsgäste.
Die 5-Mann-Band spielt ein traditionelles kretisches Hochzeitslied, begrüßt das Paar, den Koumbaros und die Gäste und bittet die Gäste auf die Tanzfläche zur Gratulation. Alle Gäste, die nicht bei der Trauungszeremonie in der Kirche waren, stürmen auf die Tanzfläche zum Gratulieren und um ihre Geschenke abyugeben.
Anschließend nach einer Pause folgt der traditionelle Brauttanz. Nach dem Koumbaros, den Familien der Braut und des Bräutigams werden die Gäste in Gruppen nach Zugehörigkeit (Kollegen etc.) von der Band zum Tanzen gebeten. Es wird ein kretischer Rundtanz mit der Braut und immer neuen wechselnden Gruppen getanzt. Jeder Tänzer, jede Tänzerin wirft der Band einen Geldschein zu. Der Brauttanz kann sich über Stunden hinziehen. Währenddessen wird gegessen und, wenn das bei der oft ohrenbetäubenden Lautstärke der Musik möglich ist, beim Zuschauen erzählt. Das Tanzen Trinken und Essen geht fröhlich weiter bis zum nächsten Morgen. Natürlich werden ungezählte Fotos und eine Videoaufzeichnung von Profis gemacht.